Linke postsowjetische Perspektiven auf den 9. Mai. Gedanken zu heute

Der heutige Tag ist in allen unseren postsowjetischen Familien von Bedeutung und wir begehen ihn auf verschiedene Weise – die einen feiern, die anderen feiern ausdrücklich nicht. Was uns an diesem Tag eint, ist unser Gedenken. Während in Berlin der 8. Mai nur zum 75-jährigen Jubiläum zum arbeitsfreien Tag ernannt wurde, ist der 9. Mai als „Tag des Sieges“ im postsowjetischen Raum ein wichtiger nationaler Feiertag. Vor allem Russland nutzt diesen Tag um sich nationalistisch-militaristisch zu profilieren und hält gigantische Militärparaden in jeder noch so kleinen Stadt ab. Veteran*innen werden glorifiziert und gefeiert, während sie an allen anderen Tagen des Jahres in bitterer Altersarmut leben.

Auch wir legen heute als Zeichen des Gedenkens am Sowjetischen Ehrendenkmal in Berlin Blumen nieder: Für all die Menschen, die in der Vernichtungslogik der Nationalsozialisten keinen Platz hatten und auf brutalste Weise ermordet wurden. Für alle Jüd*innen, Sinti*ze und Rom*nja, Antifaschist*innen, als sogenannte „Asoziale“ oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgten. Wir denken an jene, die in den Diskursen zum 9. Mai selten genannt werden und im Kampf um die Deutungshoheit unsichtbar gemacht werden: die Millionen Muslim*innen in der Roten Armee, die Usbek*innen, Kasach*innen, Tadschik*innen, Kirgisen und Turkmen*innen, die indischen, palästinensischen, marokkanischen, algerischen, tunesischen Kämpfer*innen aus den Kolonien der Alliierten.

Wir feiern heute nicht die Befreiung vom Faschismus und hinterfragen den Prozess der angeblichen Entnazifizierung Deutschlands. Nach dem offiziellen Ende der NS-Diktatur hat es nicht lange gedauert, bis dieselben Mitglieder und Funktionäre der NSDAP wieder Spitzenpositionen innehatten. Das Nachkriegsdeutschland wurde auf Grundlage ihrer faschistischen, rassistischen und antisemitischen Ideologie aufgebaut. Rassistische und rechte Gewalt ist in Deutschland nie verschwunden. Das sehen wir in Rostock-Lichtenhagen, Dessau, Berlin, Halle, Celle, Hanau, und all den anderen Orten, an denen faschistische Gewalt Menschenleben einfordert.

Wir verurteilen die EU, die sich mit dem Frieden des Zweiten Weltkrieges brüstet, dabei die Jugoslawienkriege übersieht und ihre alltäglichen Morde an den EU-Grenzen ignoriert. Wir gedenken auch dieser Ermordeten und all denen, die dem heutigen Faschismus ausgesetzt sind und kein würdevolles Leben führen dürfen.

Wir stellen uns gegen die Feierlichkeiten des 9. Mai nach „russischer Manier“. Die Instrumentalisierung des 9. Mai vom heutigen Russland ist eine Farce gegenüber den unzähligen Verlusten und Toten. Dieser Tag ist nur eine weitere Gelegenheit für Putin, den herrschenden militaristischen Nationalismus zu legitimieren. Wir stellen uns gegen eine idealistische und individualisierende Gedenkkultur, die Stalin in das Zentrum des Kampfes gegen Faschismus stilisiert und dabei die Opfer stalinistischen Terrors übersieht.

Wir finden es erschreckend, dass am 9. Mai in Deutschland antifaschistisches Gedenken Seite an Seite mit russischsprachigen Nationalist*innen stattfindet, die „den Sieg über den Faschismus“ für ihre gegenwärtige faschistische Politik instrumentalisieren. Wir finden es überaus wichtig, dass der VVN-BdA und andere linke Gruppen jedes Jahr dagegen vorgehen. Auch deutschsprachige Nationalist*innen und Faschist*innen lassen beim Gedenken nicht lange auf sich warten. Die AfD hat in den letzten Jahren ihre Kränze an diversen Mahnmalen niedergelegt und sich dabei als Verbündete russischsprachiger Communities inszeniert. Auch dieses Jahr gab es am Ehrenmal in Berlin Treptow einen Kranz vom AfD-Bundestagsabgeordneten Robby Schlund, der sich zum Parteiflügel um Alexander Gauland und Björn Höcke bekennt.

Im Spiegel des russischen und deutschen Nationalismus wird antifaschistisches Gedenken für faschistisches Gedankengut vereinnahmt.
Wir müssen diese Widersprüchlichkeiten aufzeigen und vehement angehen. Der 8./9. Mai ist kein Tag für diejenigen, die sich danach sehnen, dass Deutschland erneut faschistische Großmacht wird oder diejenigen, die Putins Russland abfeiern. Es ist ein Tag des Antifaschismus, ein Tag für Überlebende, Angehörige Ermordeter und jene, die auch aktuell von rechtem Terror bedroht sind. Es ist unser Tag, um zu gedenken und einzufordern, dass Faschismus überall und an jedem Tag bekämpft wird.

Post-Ost-Migrantifa

Von Moria bis Hanau – Kein Vergeben, kein Vergessen!

Wir folgen dem Aktionsaufruf unserer Freund*innen von Migrantifa Berlin & Aktionsbündnis Antira – ABA zum Tag des Zorns!

Der 8. Mai wird in Deutschland als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Während der Krieg und die NS-Diktatur in Europa offiziell ihr Ende fanden, lebt die faschistische, rassistische und antisemitische Ideologie weiter. Der 8. Mai ist eine Warnung und ein Versprechen im Hier und Jetzt, Opfer rassistischer, rechter und antisemitischer Gewalt nicht allein zu lassen, sei es in Hanau, im Mittelmeerraum oder in Moria. Deshalb fordern wir alle Menschen mit Migrationserbe, jüdische Menschen, Sinti*ze und Rom*nja, #BIPoC und alle anderen solidarischen Menschen dazu auf, unseren Zorn, unsere Trauer, unser Gedenken und unseren Widerstand zum Ausdruck zu bringen!

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От Мории до Ханау – мы не забудем, не простим.

Мы следуем призыву наших друзей от Migrantifa Berlin и Aktionsbündnis Antira – ABA в день гнева!

В Германии 8ое мая отмечается как день освобождения от национал-социализма. Несмотря на то, что в Европе война и нацистская диктатура официально кончились, фашистские, расистские и антисемитские идеи продолжат существовать.
8ое мая – это предупреждение и обещание не оставлять жертв расистского, правого и антисемитского насилия в одиночестве – не в Ханау, не на средиземном море, не Мории.
Поэтому мы призываем всех выразить солидарность с теми, кто сталкиваются с правым насилием и расистской ненавистью: мигрантами, евреями, синти и рома и BIPoC. В этот день памяти мы призываем к сопротивлению нацистскому злу.